Verdauungsenzyme

Viereinhalb Jahre nach meiner OP bin ich in einer Email von Eva J. aus der Selbsthilfegruppe über die Verdauungsenzyme „gestolpert“. Gestolpert deswegen, da ich das Medikament Kreon (Hauptwirkstoff Pankreatin) bereits recht bald nach meiner OP gegen Fettstühle verschrieben bekam. Damals habe ich allerdings keinerlei Wirkung bemerkt und es deswegen auch bald wieder abgesetzt. Circa zwei Jahre später versuchte ich es nochmals mit Kreon und konnte keine Wirkung feststellen.

Und dann schrieb mir Eva in einer Email, dass sie letztens zwei Tage unterwegs war und ihre Enzyme vergessen hatte. Zum Glück hätte sie immer eine Notration im Auto, die sie darauf hin kleinlichst auf die Mahlzeiten verteilte hätte.
Merkwürdig! Das ließ mich nachdenklich werden. Ob es sich bei ihr um dasselbe Zeug handelt, welches bei mir überhaupt keine Wirkung zeigte?

Und sie wirken doch!

Als ich bei Eva nachhakte, um mehr über „ihre Enzyme“ herauszufinden, kam sie mit der „Zeitverschiebungsthese“ um die Ecke. Diese hatte Sie in der Ernährungsklinik der Uniklinik Heidelberg kennengelernt. Die These lautet in etwa so:
Durch den Kurzdarm sind Verdauungsfunktionen und vor allem die zeitlichen Abfolgen gestört und verlaufen asynchron. So ist der Speisebrei schon „vorbei gerutscht“, bevor die Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet werden oder die körpereigenen Enzyme werden zu früh ausgeschüttet.
Je mehr Essen jedoch bereits im Dünndarm „richtig“ verdaut wird, desto weniger gelangt in den Dickdarm als Futter für die anaeroben Bakterien. Folglich habe man auch desto weniger Blähungen. Und desto höher ist natürlich auch die Kalorienaufnahme.

Das hörte sich irgendwie logisch an. Also habe ich im Internet recherchiert, nachgedacht, ausprobiert, getestet und habe zu meinem Erstaunen festgestellt, dass das Kreon doch wirkt. Wenn man es nur „richtig“ anwendet!
Wenn man, wie angegeben, einfach die Kreon Kapsel zum Essen schluckt, so schlägt wohl die Zeitverschiebungsthese zu. Denn bis sich die Kapseln auflösen, die darin befindlichen Pellets sich im Speisebrei verteilen und sich dann auch noch deren Coating (ein Magensaft-resistenter Überzug) aufgelöst hat, ist der Speisebrei ganz offensichtlich bereits durch den bei mir sehr kurzen Dünndarm durch und landet fast unverdaut im Dickdarm. Die anaeroben Bakterien freuen sich.

Das Testergebnis

Schon nach kurzer Zeit mit dieser neuen Anwendungsmethode konnte ich Fortschritte feststellen:

  • Mein Stuhl-Volumen hat sich etwas reduziert. Da ich dass nie gemessen habe, ist das sicherlich eine subjektive Feststellung, aber ich finde den Unterschied recht deutlich.
  • Die Anzahl meiner Stuhlgänge ist zwar leicht erhöht, aber die „Sitzungen“ sind deutlich kürzer geworden.
  • Ich nehme wieder etwas an Gewicht zu!
  • Nach dem Genuss von Zwiebeln und Knoblauch fallen die Blähungen etwas geringer aus! Die Verdauungsenzyme haben also tatsächlich einen Einfluss auf die Blähungen!

Da ich endlich die „richtige“ Anwendung von Verdauungsenzymen beim Kurzdarmsyndrom gefunden habe, anbei eine kurze Anleitung:

Dosierung und Anwendung für Kurzdarmpatienten

Das folgende Anwendungsbeispiel ist für das Medikament Kreon 25.000 i.E. Grundsätzlich gilt bei der Dosierung von Kreon: Man soll 2.000 – 3.000 i.E (internationale Einheiten) pro Gramm Fett nehmen.
Das darin enthaltene Pankreatin spaltet jedoch nicht nur Fett sondern auch Zucker und Eiweiß. Daher ist die Dosierung sicherlich nicht nur vom Fettgehalt abhängig. Aktuell nehme ich pro Hauptmahlzeit die Pellets aus zwei Kapseln, also 50.000 i.E.
Bei kleineren Mahlzeiten nehme ich die Pellets nur aus einer Kapsel.

Eine weitere Dosierungs-Empfehlung vom Hersteller lautet wie folgt:

  • Man startet mit einer Einstiegsdosis von 20.000 – 40.000 Lipase-Einheiten pro Mahlzeit (z.B. 1 Kapsel Kreon 25.000 oder 1 Kapsel Kreon 40.000)
  • Danach steigert man die Dosis, bis sich eine ausreichenden Verbesserung der Beschwerden einstellt (z.B. Normalisierung des Durchfalls bzw. Fettstuhls).

Überdosieren kann man Kreon kaum, denn die Tageshöchstdosis liegt bei 15.000 – 20.000 Lipase-Einheiten pro kg Körpergewicht.

Anwendung

  • Die Pellets hole ich während des Essens aus den Kapseln und gebe sie in einen Löffel.
    Da das etwas fummelig ist, kann man auch ein Globuli-Röhrchen nehmen und die Pellets dort vor dem Essen hinein geben. Damit lassen sich die Pellets dann beim Essen sehr viel unauffälliger einnehmen.
  • Nach den ersten Bissen nehme ich ca. ein Drittel der Pellets mit einem Löffel in den Mund und spüle sie direkt mit wenig Wasser runter. Denn laut Beipackzettel kann man die Kapseln öffnen, nur zerkauen soll man die Pellets nicht.
    Zitat:
    Zur Erleichterung der Einnahme können Sie die Kapsel öffnen und nur den Inhalt schlucken. Achten Sie auf die unzerkaute Einnahme und auf eine reichliche Flüssigkeitszufuhr.
    Das mit der „reichlichen Flüssigkeitszufuhr“ sollte man als Kurzdarmpatient allerdings auf das notwendige Minimum reduzieren.
  • Zur Mitte der Mahlzeit nehme ich dann das zweite Drittel der Pellets und spüle wieder mit wenig Wasser.
  • Kurz vor Ende der Mahlzeit nehme ich dann das letzte Drittel Pellets mit einem kleinen Schluck Wasser.

Dies Art der Anwendung ist zwar ein wenig aufwändiger als einfach die Kapseln zu schlucken, aber die Wirkung ist den Aufwand wert.
Das Verteilen von Kreon auf die Mahlzeit wird auch vom Kreon Hersteller (Mylan Healthcare GmbH) vorgeschlagen und als Sandwich-Prinzip bezeichnet.

Nach meinem erfolgreichen Test wies mich Eva darauf hin, dass sie das Kreon sogar 10 – 15 Minuten vor der Mahlzeit zu sich nimmt, damit die „aktivierten“, d.h. vom Coating befreiten, Enzyme vorliegen, wenn das Essen „kommt“. Das werde ich sicherlich auch noch ausprobieren, allerdings bin ich gerade so froh darüber, dass die Enzyme so gut wirken, dass ich momentan keinen weiteren Test durchführen will.

Der Wirkstoff – Pankreatin

Pankreatin ist ein Wirkstoffgemisch aus Lipasen, Amylasen und verschiedenen Proteasen. Es handelt sich um Enzyme, die Nahrungsbestandteile wie Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate aufspalten und so ihre Aufnahme in den Blutkreislauf ermöglichen.

Indikation

Für die Behandlung einer Maldigestion (Störung im Verdauungstrakt):

  • Verdauungsstörungen, z.B. mit Blähungen, Durchfall und Bauchschmerzen
  • Unterfunktion der Bauchspeicheldrüse (exokrine Pankreasinsuffizienz)

Pankreatin wird aus der Bauchspeicheldrüse von Hausschweinen gewonnen. Die Behandlung mit diesem Wirkstoff ist bei Vertretern der islamischen und der jüdischen Religion umstritten und wird in der Regel abgelehnt. Es soll aber auch Produkte ohne „schweinischen“ Ursprung geben.

Enzyme aus Schweinepankreas vertragen keine Säure, deswegen wird der Wirkstoff Pankreatin mit einer magensaftresistenten Schicht überzogen. So werden die Enzyme vor der ätzenden Magensäure geschützt und ihre Wirkung wird gewährleistet. Erst nach Passieren des Magens, bei Eintritt in den Darm löst sich die schützende Schicht auf und gibt den Wirkstoff frei. Der kann erst dann im Nahrungsbrei seine Wirkung entfalten.

Allerdings ist zu beachten: Die Pellets enthalten aktive Enzyme, die bei Freisetzung im Mund, z.B. durch Zerkauen der magensaftresistenten Pellets, zu Schleimhautschädigungen (z. B. Geschwürbildungen der Mundschleimhaut) führen können. Es ist daher darauf zu achten, dass die Pellets unzerkaut geschluckt werden.